Ein Loft im Grünen - Wohnreportage von Chomsky11

Esstisch mit Dixon Stühlen und Blick ins Badezimmer

In einer interessanten Reportage beschreibt Chomsky11 den Weg von der Industrieruine hin zu dem atemberaubenden Loft, das er uns im Buch zeigt.

 

Loft und Natur – geht das zusammen? Lofts - das sind doch ehemalige Industrie- und Lagerräume, die zu Büros und Wohnungen umfunktioniert wurden. Und die liegen üblicherweise in Hinterhöfen und Gewerbevierteln.

Ganz anders das „Loft am See“ von Sabine Kirschke (44) und Thomas Rehder (51). Es liegt am südwestlichen Standrand Leipzigs auf einem 8000 Quadratmeter großen Areal, teils Landschafts- und Naturschutzgebiet. Obstbäume, Wiese, eigener Bach – benachbart zu Schlosspark, weitläufigen Wiesen und gleich drei renaturierten Seen, die zum Baden und Wassersport einladen.

„Es war diese einmalige Kombination aus Natur, hohem Freizeitwert und wunderschöner Bausubstanz, die uns von Anfang an verzauberte. Kurz nach der Wende wurde der Betrieb der ehemaligen Weizenmühle Knauthain eingestellt. Als wir sie vor etwa fünf Jahren entdeckten, war das Grundstück völlig verwuchert, die Scheiben eingeworfen, standen noch Maschinen und Anlagen in den Etagen,“ berichten Sabine und Thomas.

Obwohl Leipzig laut Wikipedia als Deutschlands Loft-Hauptstadt gilt, war das 1908 errichtete Kleinod mit vier Geschossen und Turm von Investoren und Projektentwicklern bis dahin übersehen worden. So wurden Ende 2004 die Kommunikationsdesignerin und der Medienunternehmer selbst zu Initiatoren, machten den Mannheimer Besitzer des Mühlen-Ensembles ausfindig, suchten Mitstreiter, Architekten, beauftragten Gutachter und Makler.

„Das Hauptgebäude mit 1.500 Quadratmetern allein zu sanieren lag weit außerhalb unserer eigenen Möglichkeiten. Also suchten wir weitere Bauherren – oder sollen wir sagen: Verrückte? – die sich vom Charme der alten Weizenmühle einfangen ließen und hier und nirgendwo anders wohnen wollten.“ Ungeachtet des teilweise desolaten Zustandes der Gebäude und der Unkenrufe von Freunden und Verwandten ging’s los. Als zwei weitere Parteien gefunden waren, wurde das Gelände gekauft, als fünf von sechs Einheiten ihre künftigen Besitzer gefunden hatten, begann die Sanierung.

„Planung und Umbau stellten die Bauherrengemeinschaft vor eine Menge von Fragen, Diskussionen, Konflikte. Gastherme? Holzpellets? Wärmepumpe? Manche Themen wurden wieder und wieder, monatelang diskutiert. Eine Partei stieg kurz vor dem Umbau aus, eine zweite sagte am Tag des notariellen Kaufvertrags ab. Am Ende dauerte die Bauphase nicht ein, sondern fast zwei Jahre. Aber wir ‘Müller‘ – so nennen wir uns gern – haben uns zusammengerauft und wurden mit freundschaftlich verbundenen Nachbarn, traumhaften Wohnungen und dem Leipziger Hieronymus-Lotter-Preis für Denkmalpflege belohnt.“

Aussenansicht und Blick ins Treppenhaus

Der Wohnungstraum begann mit einer langen Planungsphase. Obwohl die vier Etagen noch voller Rüttelsiebe und Sackrutschen, Mehlspeicher, Mahlmaschinen und Förderschnecken waren, begannen Sabine und Thomas mit der Gestaltung ihres künftigen Domizils. Dabei wurde dem Architekten nur die Ausführungsplanung zugestanden – Wohnungszuschnitt und Raumaufteilung, Materialkonzept und Lichtplanung übernahmen die beiden Kreativen selbst.

Sie orientierten sich zunächst am Vorhandenen und ergänzten es sparsam um weitere Farben und Materialien: Im Dachgeschoss dominierten dunkle, braunrote Balken und Holzverschalungen, im Geschoss darunter ruhten tragende Holzbalken auf gusseisernen Säulen und Trägern. Die Freilegung des rötlichen Ziegelmauerwerks stand von Anfang an außer Frage, neu eingezogene Wände sollten sich in neutralem Weiß abgrenzen. Um nicht zu sehr in rustikale Blockhausgemütlichkeit abzugleiten, wurde die industrielle Anmutung durch viel Beton hervorgehoben – betongrau präsentieren sich Fensterbänke, Küchenblock, Regale und Kabelabdeckungen. Dunkelgrau kontrastieren dazu Betonfußboden und nach historischem Vorbild rekonstruierte Fenster und Balkontüren.

„Unser bester Planungshelfer jedoch hieß Photoshop“ lacht Sabine und ruft im Notebook ein paar Dateien auf (siehe Kasten). „Noch bevor der erste Handwerker an der Baustelle war, wussten wir schon im Detail, wie später Wohnbereich, Küche oder Bad aussehen würden. Ein Vielzahl von Planungsentscheidungen haben wir anhand dieser Anmutungen getroffen, von der Fensterfarbe bis zu den Schiebetüren im unteren Geschoss. Ein paar Ideen, beispielsweise ein Podest im Wohnbereich, wurden verworfen, andere – z.B. das Atrium oder die Freitreppe – wieder und wieder optimiert.“

Wer heute das 300-Quadratmeter-Loft („eine Zweiraumwohnung mit Turm“ scherzt Thomas) durch den Haupteingang im dritten Obergeschoss betritt, findet sich zunächst in einem weitläufigen Empfangs- und Arbeitsbereich wieder. Eine Malerei der in Leipzig ausgebildeten Künstlerin Marianna Krüger (Titel „Ein Leben lang scharf“) lenkt die Blicke auf sich, davor hängen drei Caravaggio-Leuchten von Cäcilie Manz. Von farbigen Bodenstrahlern illuminierte Metallsäulen und –träger halten die massiven Deckenbalken, die wiederum die graue Betondecke stützen. Über dem Arbeitsplatz hängen schwere, eiserne Transmissonsräder an der Decke, „die blieben auch während der ganzen Bauphase dort, die hätte man nie ab- und wieder anbauen können“, erläutert Thomas.

Raumhohe, vier Meter breite Schiebetürelemente von Ars Nova trennen rechts einen Gästebereich, links den Schlafbereich von der Eingangshalle ab. „Zu 90% sind wir allein in der Wohnung – dann lassen wir alle Schiebetüren auf und das Untergeschoss wird zu einem weitläufigen Raum. Arbeitsplatz, Schlafzimmer, Bad – warum muss alles getrennt sein? Loftwohnen lebt von der Großzügigkeit!“ erklärt der Hausherr.

Apropos großzügig – das imposante Bad allein hat die Fläche einer ausgewachsenen Studentenwohnung. Auf rund 40 Quadratmetern verteilen sich Jacuzzi-Whirlpool und Tauchbecken, die minimalistische Dampfdusche „Wellbox“ von Megius, eine Finnsauna und zwei gegenüber angeordnete Waschplätze. „Ich habe nie verstanden, warum Architekten Waschplätze so gern paarweise anordnen – ein bisschen Privatheit bei der Morgen- und Abendtoilette ist doch auch ganz nett!“ Ein doppelseitiger Kamin ist sowohl aus Schlafzimmer wie Whirlpool einsehbar, auch hier Schiebetüren, die Bad und Schlafbereich zu einem Raum verschmelzen lassen. „Eine perfekte Lösung zum Saunieren – frische Luft schnappt man auf dem Schlafzimmerbalkon, dann ruht man sich auf dem Bett unter Ingo Maurers Deckenleuchte Zettel’z aus und entspannt vor dem knisternden Kamin.“
Das Bad ist nicht das einzige Highlight dieses Lofts. Zurück im Eingangsbereich führt eine fast schwebend wirkende Freitreppe (mit nur einem Geländer) ins Dachgeschoss. Unter der Treppe der Schaukelsessel „Bird“ von Tom Dixon. Das Treppenauge mit umlaufender Galerie lenkt den Blick bis hoch zum Glasdach und schafft einen rund acht Meter hohen Luftraum. Am Fuße der Treppe, eingelassen in ein Podest, das 500 Liter fassende Aquarium. „Fische zu kaufen war für uns nicht leicht – im Geschäft und normalen Aquarien sieht man die Fische ja meist von der Seite. Wir sehen sie immer nur von oben.“ Loftwohnen führt manchmal zu überraschenden Herausforderungen...

Küche mit Betonarbeitsplatten und Abzugshauben

Dass sich Sabine und Thomas gerne den Herausforderungen des Kochens stellen, zeigt sich im Dachgeschoss – der „Wohnebene“ – auf den ersten Blick. Wie eine futuristische Kommandobrücke wirken die drei zylindrischen Dunstabzugshauben: „Auch hier haben wir konstruktive Elemente der alten Mühle – abgehängte Holztafeln – mit modernen Nutzungen verknüpft.“

Unter den Edelstahlröhren ruht eine massive Kochinsel aus Beton. Diese wie auch die anderen Betonarbeiten lies Thomas in einer von ihm parallel zum Loftausbau gegründeten Betonmanufaktur fertigen: „Mit unserer Loftplanung wuchs das Interesse an Beton und aus diesem Interesse heraus gründete ich Betoniu. Leider ist unsere Kollektion mittlerweile so groß, dass wir nicht mehr alle Teile in unserer Wohnung nutzen können.“
Zurück zur Küche: Vier Einbauelemente von Smeg kombinieren Gas und Elektro, zwei Backöfen und die große Liebherr-Kühlkombi helfen, auch größere Gesellschaften zu versorgen. Nützliches Detail: die abgetrennte Spülküche. „Obwohl nur gut 2 Quadratmeter groß, nimmt sie Geschirrspüler und benutztes Geschirr auf. So sitzt man mit Gästen nicht zwischen Resten und Abwasch. Und abends am Kamin rattert kein Geschirrspüler.“

Die Kochzone wird flankiert von zwei Essplätzen – der eine für den Alltag, der andere für Gäste oder das lauschige Mahl am Kamin. Am „Alltagstisch“ stehen vier mit warmgelben Stoff bezogene Mixer-Stühle von Flexform, darüber hängt die von Rody Graumans für Droog Design entworfene Hängeleuchte „85 Lamps“ – ein puristisches Designobjekt mit 85 Glühbirnen, das bei jedem Elektriker Erheiterung auslöst.

Auf der ganzen neunzig Quadratmeter großen Wohnetage Kunst: Über der Treppe ein großformatiges Portrait einer melancholisch dreinblickenden Frau von Harding Meier, in der Medienecke eine Fotoserie des japanischen Künstlers Taiji Matsue, Plastiken und kleine Objekte allenthalben. „Seit rund 25 Jahren sammle ich Kunst- und Designobjekte“, erklärt Thomas. „So haben sich viele Einzelstücke zusammen gefunden, die trotzdem ein stimmiges Ensemble bilden.“

Stimmig auch die acht S-Chairs von Tom Dixon am traditionellen Shaker-Tisch. Darüber prangt ein moderner Kronleuchter von Brand van Egmont. „Kamine und Gemütlichkeit spielen eine große Rolle bei uns. Deshalb ist dieser Kamin zentral im Raum angeordnet und grenzt Essbereich und kuschelige Kaminecke von einander ab.“

Taghell wird die obere Etage durch ein rund zwanzig Quadratmeter großes Glasdach. „Wir hatten Sorge, dass es mit dem vielen dunklen Holz zu erdrückend wirkt – deshalb haben wir viel Licht herein gelassen,“ beschreibt Sabine die ursprünglichen Überlegungen.

Atrium mit Terrassenmöbeln

Noch konsequenter haben die beiden die gleiche Idee im Atrium umgesetzt - in diesem „Sommerwohnzimmer“ haben sie das Dach kurzerhand ganz entfernt. So entsteht ein windgeschützter Dachgarten, eine mediterrane Oase über den Dächern von Knauthain. „Das Atrium ist ohne Zweifel unser Lieblingsplatz, beschreibt Sabine. „Im Sommer faulenzen wir auf den gemauerten Außensofas, erfrischen uns unter der Außendusche und freuen uns an den vielen blühenden Pflanzen. Abends sitzen wir hier bis spät in die Nacht mit Freunden, grillen und genießen.“ Backsteinwände bestimmen den rustikalen Eindruck, hervorstehende Ziegel nehmen über die Wände verstreute Windlichte auf, ein Außenkamin flackert. In den Ecken und an der das Atrium überragenden Turmfassade kontrastiert farbige Beleuchtung mit dem Kerzenlicht.

Apropos Beleuchtung: die vielen Lichtquellen des Lofts werden über ein Helvar-Lichtsystem gesteuert, das – je nach aktueller Nutzung – unterschiedliche Lichtszenarien bereit stellt. „Wenn so ein Lichtsystem fertig eingerichtet ist, eine wunderbare Sache. Leider dauert’s bis dahin Monate und wird zur Belastungsprobe für jede Beziehung,“ scherzt Thomas. „Vernetzung ist bei so großen Räumen auch in Sachen Musik sinnvoll – um innen wie außen, oben und unten gleiche Musik zu hören, haben wir mehrere Logitech-Squeezeboxes drahtlos mit einem zentralen Musikserver vernetzt.“

Treppenhaus, Aquarium und Kunst als Wandgestaltung

Das klingt nach perfektem Loftleben. Ob es denn gar keine Schönheits- oder Planungsfehler gibt? „Natürlich gibt es die. So haben wir zwar jede Menge freier Wände für unsere Kunst vorgesehen, aber viel zu wenig Stauraum für Klamotten und Krempel. Das Wärmemanagement ist trotz energieeffizientem Blockheizkraftwerk nicht optimal, und auch einen Regensensor für die Dachfenster müssen wir nachrüsten.“
Nichts ist perfekt – aber das Loft von Sabine und Thomas ist recht nah dran.

 

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